Neue Studie12. Oktober 2026
Ein Embryo oder zwei? Die deutschen Zahlen
Krüssel et al., Deutsches Ärzteblatt International 2026 · Deutsches IVF-Register (D·I·R), 133 Zentren
Die Studie in Zahlen
- 22.410
- Frauen aus 133 deutschen Kinderwunschzentren, deren erste IVF- oder ICSI-Behandlung zwischen 2017 und 2022 begann
- 45,6 %
- bekamen nach zwei einzelnen Transfers ein Kind — nach einem Doppeltransfer waren es 38,4 Prozent
- 1,7 %
- Mehrlingsgeburten nach zwei einzelnen Transfers — nach dem Doppeltransfer waren es 30,3 Prozent
Worum ging es
Wenn nach einer IVF oder ICSI zwei Embryonen zur Verfügung stehen, gibt es zwei Wege. Entweder werden beide auf einmal übertragen — das ist der Doppeltransfer, in Deutschland bis heute der häufigere Weg. Oder es wird nur einer übertragen und der zweite eingefroren, für einen späteren Transfer. Aus einer Behandlung werden dann zwei einzelne Transfers nacheinander.
Der Doppeltransfer soll die Chance auf eine Schwangerschaft erhöhen. Er bringt aber Zwillinge und Drillinge mit sich, und Mehrlingsschwangerschaften sind für Mutter und Kinder riskanter als eine Einlingsschwangerschaft.
Die Frage der Arbeit: Bekommen Frauen mit zwei einzelnen Transfers am Ende genauso oft ein Kind wie mit einem Doppeltransfer?
Wer wurde untersucht
Ausgewertet wurden die Daten des Deutschen IVF-Registers aus 133 Kinderwunschzentren — also keine einzelne Klinik, sondern praktisch das ganze Land. Eingeschlossen waren erste IVF- und ICSI-Behandlungen von Januar 2017 bis Dezember 2022; die Geburten wurden bis Ende 2023 erfasst.
Aus 25.780 Behandlungszyklen wurden zwei Gruppen von je 11.205 Frauen gebildet, die sich in ihren Voraussetzungen ähnelten: einmal Doppeltransfer, einmal zwei einzelne Transfers nacheinander.
Was kam heraus
Nach dem einzelnen frischen Transfer allein lagen die Geburten etwas niedriger als nach dem Doppeltransfer: 35,2 gegenüber 38,4 Prozent.
Zählt man den zweiten, aufgetauten Embryo dazu, dreht sich das Bild: 45,6 Prozent der Frauen mit zwei einzelnen Transfers bekamen ein Kind, gegenüber 38,4 Prozent nach dem Doppeltransfer.
Ein Wert spricht für den Doppeltransfer, und er gehört dazu: Gezählt wurden nach dem Doppeltransfer 503 Kinder je 1.000 Frauen, nach zwei einzelnen Transfers 464. Mehr Kinder also — aber nicht mehr Frauen mit einem Kind, denn die Differenz sind vor allem Zwillinge.
Genau da liegen die Unterschiede:
- Mehrlinge: 1,7 Prozent der Geburten nach zwei einzelnen Transfers, 30,3 Prozent nach dem Doppeltransfer.
- Einlinge: 37,4 Prozent der Frauen nach zwei einzelnen Transfers, 26,8 Prozent nach dem Doppeltransfer.
- Frühgeburt: 18,1 Prozent der Kinder kamen vor der 37. Woche zur Welt — nach dem Doppeltransfer waren es 46,5 Prozent, und auch die sehr frühen Frühgeburten waren häufiger.
- Geburtsgewicht: im Schnitt 3.264 Gramm gegenüber 2.925 Gramm.
Das Fazit der Autorinnen und Autoren: Zwei einzelne Transfers senken die Risiken des Doppeltransfers erheblich, ohne dass am Ende weniger Kinder geboren werden.
Was heißt das für dich
Wenn deine Klinik dir vorschlägt, nur einen Embryo zu übertragen und den zweiten einzufrieren, ist das kein Zurückrudern und keine vorsichtige Variante. Für diesen Weg gibt es inzwischen deutsche Zahlen in einer Größenordnung, die man nicht wegdiskutieren kann.
Zwei Dinge gehören trotzdem ins Gespräch:
Der zweite Transfer kostet. Das Einfrieren und Lagern beziffert die Arbeit mit rund 750 Euro, die in der Regel selbst zu zahlen sind. Wer die beiden Wege vergleicht, muss diesen Betrag mitrechnen — und die Zeit, die der zweite Transfer braucht.
Zwillinge klingen oft schöner, als sie medizinisch sind. Die Arbeit weist ausdrücklich darauf hin, dass Paare die Wahrscheinlichkeit für Mehrlinge unterschätzen. Fast die Hälfte der Kinder nach Doppeltransfer kam zu früh zur Welt.
Wie es aussieht, wenn der einzelne Transfer seit Jahren die Regel ist, zeigen die Daten aus Australien: dort wurden zuletzt 95 Prozent der Transfers mit nur einem Embryo gemacht.
Was in deiner Situation sinnvoll ist, hängt von deinem Alter, deiner Vorgeschichte und der Qualität der Embryonen ab. Diese Studie ersetzt das Gespräch nicht, aber sie gibt dir die Zahlen, mit denen du hineingehen kannst.
Studien liefern Statistiken. Du bist keine Statistik. Deine individuelle Situation kann nur deine Ärztin oder dein Arzt beurteilen.
Ehrlich gesagt
Was die Studie nicht zeigt
Rückblickend, nicht ausgelost
Ausgewertet wurden Behandlungen, die ohnehin stattgefunden haben. Wer welchen Weg bekam, hat niemand ausgelost. Die Gruppen wurden zwar statistisch angeglichen, aber angeglichen werden kann nur, was das Register auch erfasst.
Noch nicht alle Embryonen übertragen
Von den Frauen ohne Geburt nach dem ersten einzelnen Transfer hatten 2.149 ihren zweiten Embryo noch gar nicht nutzen können. Deren Geburten fehlen in der Rechnung — der Wert für zwei einzelne Transfers ist also eher zu niedrig als zu hoch.
Komplikationen fehlen
Das Register erfasst keine Komplikationen bei Mutter und Kind. Frühgeburt und Geburtsgewicht stehen darin, der Verlauf einer Schwangerschaft nicht. Zu den Risiken selbst kann die Arbeit deshalb nichts Abschließendes sagen.
Quellen
- Krüssel J.-S., Kimmel M., Czeromin U., Blumenauer V., Bartnitzky S., Sänger N., Fehr D., Grewe C., Kupka M. S., Tauchert S., Aust H., Tandler-Schneider A.: Einzelner oder doppelter Embryonentransfer bei unerfülltem Kinderwunsch — Registerauswertung von über 22 000 Behandlungszyklen. Deutsches Ärzteblatt International 2026; 123(10): 263–269
- Eintrag in PubMed (PMID 41854159), englische Fassung mit allen Tabellen frei zugänglich
Diese Seite ersetzt kein Gespräch mit deiner Ärztin oder deinem Arzt. Studien beschreiben, was bei vielen Menschen passiert ist — was für dich gilt, kann nur dein Behandlungsteam beurteilen.
